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Ecclesia semper reformanda




Die Situation der katholischen Kirche in Deutschland 2021

Auf dem besten Sendeplatz, in den Tagesthemen des Ersten Deutschen Fernsehens, kommentiert Anja Würzberg am 23. Februar 2021  die Lage der katholischen Kirche am Vorabend der Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe so:
"Stell Dir vor, Du willst aus der Kirche austreten und bekommst keinen Termin. Die Ämter können den Ansturm der frustrierten Katholikinnen und Katholiken nicht mehr bewältigen. Da müsste doch eigentlich auch dem letzten Bischof klar werden, was die Stunde geschlagen hat.
Die Menschen sehen eine erkaltete und versteinerte katholische Kirche - unfähig, mit denen ins Gespräch zu kommen, die unter ihr leiden: Die Opfer von Missbrauch, die sich mit Almosen und Plazebo-Teilhabe abgespeist fühlen. Die hoch engagierten, wütenden Frauen von Maria 2.0, die ihre Thesen an die Kirchenportale schlagen - mit der Faust direkt auf das alte Holz. Die wackeren Priester in den Gemeinden, die sich für ihre Kirche in Grund und Boden schämen ..."  >> mehr

 

Bischöfe, Priester und Laien, Hauptamtliche und Ehrenamtliche erleben derzeit die schwerste Krise, die die Kirche in Deutschland und speziell im Erzbistum Köln je gesehen hat, die sie bis ins Fundament erschüttert.
Viele ungelöste Kirchenfragen der letzten Jahrzehnte, ein gewaltiger Modernisierungs- und Reformstau, eine als heuchlerisch empfundene Sexualmoral und vor allem die unerträglich verschleppte Aufklärung der Missbrauchsfälle führen zu Vertrauensverlust, Enttäuschung und Zorn, Entfremdung und zuletzt zu einer gewaltigen Welle von Kirchenaustritten - auch hochengagierter Gemeindemitglieder!

Umso mehr Respekt verdienen die mutigen Frauen von Maria 2.0, die - als kleine Gruppe 2019 in Münster gestartet - beharrlich und konsequent das Gespräch mit den Kirchenverantwortlichen über sexuellen und geistlichen Missbrauch und die sie fördernden Ursachen und Missstände suchen.
Sie fordern Wandlung und substantielle Reformen, nicht um - wie es ihnen oft unterstellt wird - die Kirche leichtfertig zu spalten, sondern sie zum Evangelium zurückzuführen, damit Menschen in dieser Kirche wieder glaubhaft die verkündete und gelebte Botschaft Jesu Christi erfahren können. Siehe auch Beiträge und Links auf dieser Website.

Ist der Ende 2019 ins Leben gerufene "Synodale Weg" die Lösung?



Synodaler Weg


Nach der Veröffentlichung der MHG-Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ und den damit verbundenen Erschütterungen ist deutlich geworden: Die Kirche in Deutschland braucht einen Weg der Umkehr und Erneuerung. Aus diesem Anlass haben die deutschen Bischöfe im März 2019 einen Synodalen Weg beschlossen, der der gemeinsamen Suche nach Antworten auf die gegenwärtige Situation dient. ... Der Synodale Weg wird von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) getragen.


Transparenz und Verantwortung: Eine Erklärung des Präsidiums des Synodalen Weges: Konsequent gegen sexuellen Missbrauch und Gewalt in der Kirche:

"Die MHG-Studie hat gezeigt, welch verstörendes Ausmaß sexualisierte Gewalt im Raum der Kirche über viele Jahre angenommen hat. Die Studie hat auch aufgewiesen, dass kirchliche Verantwortliche Fehlverhalten und Verbrechen vertuscht haben.
Für beides - für den Missbrauch und für seine Vertuschung – hat die Studie nicht nur schuldhaftes Verhalten einzelner Personen, sondern auch Ursachen und begünstigende Faktoren benannt, die in kirchlichen Strukturen und Denkmustern begründet liegen: Machtkonzentration beim Klerus, Überhöhung des priesterlichen Dienstes, männerbündische Verhaltensformen und Probleme der kirchlichen Sexualmoral. Unter dem Eindruck dieser Studie hat die Deutsche Bischofskonferenz das Zentralkomitee der deut-schen Katholiken (ZdK) gebeten, sich an einem Reformprozess zu beteiligen, der Konsequenzen aus den Fehlentwicklungen und Missständen ziehen soll.

So ist es zum Synodalen Weg gekommen. Er ist eine gemeinsame Aktion der katholischen Kirche in Deutschland. Bischöfe, Priester und Ordensleute, gewählte und ernannte Delegierte aus den Gemeinden, katholischen Verbänden und Organisationen, aus der Theologie und dem gesell-schaftlichen Leben beraten miteinander. Der Synodale Weg braucht offene Diskussion, geistliche Unterscheidung und klare Entscheidungen. Systemischen Fehlentwicklungen wollen wir ent-schlossen entgegenwirken.
Wir müssen auf diesem Weg die Betroffenen hören. Wir sind dankbar, dass Betroffene sich in die Beratungen des Synodalen Weges einbringen wollen. Das Präsidium des Synodalen Weges möchte deshalb die Mitarbeit von Betroffenenvertretern strukturell im Synodalen Weg veran-kern. Wir haben dem Betroffenenbeirat angeboten, die genaue Form der Mitwirkung im Gespräch zwischen Vertretern des Beirats, dem Präsidium und dem Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs zu vereinbaren. ..."


Stimmen der Betroffenen

" ... Entscheidend für die Glaubwürdigkeit, für die Reputation unserer Kirche und für uns Betroffene wird sein, wie mit den Ergebnissen, wann immer sie auch öffentlich werden, auf Leitungsebene der Bistümer umgegangen wird. Welche Konsequenzen, auch mit Blick auf Personen, gezogen werden, und was, und das ist uns in diesem Moment besonders wichtig, von wortreichen, bedeutungsschwangeren Erklärungen zu eigenem Aufklärungswillen aus der Vergangenheit in Gegenwart und Zukunft übrig bleibt. Denn am Ende hängt alles davon ab, ob diejenigen, denen heute immer noch weitreichende Gestaltungsmacht in den Bistümern gegeben ist, endlich diese auch in ihrem Gestaltungsbereich konsequent nutzen. Notwendige Entscheidungen, auch auf in Vergangenheit und Gegenwart handelnde Personen im eigenen Bistum hin, endlich getroffen, um- und durchgesetzt werden, und dies ungeachtet einer wie auch immer gearteten innerkirchlichen oder gesellschaftlichen Reputation. Aus der Sicht eines Betroffenen kann ein Täter im Übrigen keine gesellschaftliche oder kirchliche Reputation haben – der Betroffene sieht nämlich zuvorderst und ausschließlich die hässliche Fratze des Missbrauchs, und diese hässliche Fratze kann keine, noch gar so gute Tat, als Make-up kaschieren.
Einsicht in das eigene Unvermögen, in die eigene Schuld und Verantwortung hat ja bisher kaum nennenswerte Konsequenzen und Veränderungen gebracht. Und wenn die eigene Einsichtsfähigkeit und Wahrnehmung nicht zum Handeln führt, dann bedarf es eben eines konsequenten, machtvollen, mutigen Tuns derjenigen, die eben die dafür notwendigen Entscheidungen treffen und durchsetzen können, die eben über die notwendige Gestaltungsmacht verfügen. - Ich will es mit dem von mir sehr geschätzten Sozialreformer sagen, der im Schatten des Doms zu Köln in der Minoritenkirche gewirkt hat und dort auch begraben liegt, mit den Worten des Seligen Adoplh Kolpings:
„Schön reden tut’s nicht – die Tat ziert den Mann!“ >> mehr (als Download)


Der Synodale Weg hat im Sitzungsformat am ersten Advent 2019 begonnen. Die Synodalversammlung setzt sich aus ca. 230 Mitgliedern zusammen. Die erste von fünf Sitzungsphasen fand im St. Bartholomäus-Dom in Frankfurt/Main statt. Ursprünglich sollte die letzte Zusammenkunft im Februar 2022 erfolgen, was aber durch die Corona-Unterbrechung schwerlich noch umgesetzt werden kann.
Die Arbeit erfolgt in vier Synodalforen, die aus Mitgliedern der Synodalversammlung sowie weiteren Expertinnen und Experten bestehen:




Kritische Stimmen

Bericht von Bischof Dr. Georg Bätzing und Prof. Dr. Thomas Sternberg, Präsidenten des Synodalen Weges, zum Auftakt der Online-Konferenz des Synodalen Weges am 4. Februar 2021

"... Dass der Synodale Weg insofern kein unverbindlicher Spaziergang wird, ist intendiert und so zeigen sich auch Differenzen. Umso wichtiger ist es, auch in der Kontroverse zusammenzubleiben und die Weg-Gemeinschaft nicht aufzukündigen, gemeinsam Kirche zu sein. ... „Freimütige Antworten“ ... zu geben, heißt auch, nicht immer zu völlig „einmütigen Antworten“ zu kommen. Aber es gilt, danach zu suchen. Es gilt, nach dem Kern Wahrheit zu suchen ...
Jede Stimme ist wichtig, um in der Abwägung von Argumenten wirklich die bestmögliche Entscheidung treffen zu können. Sicher ist aber auch: Es muss Entscheidungen geben. Es gibt verschiedene Strategien, diese zu verhindern: das Neue und Andere als vermeintliche „Protestantisierung“ zu bezeichnen oder den Diskurs mit seinen Mehrheitsvoten als „ungeistlich“ verunglimpfen zu wollen, sich beständig auf vermeintlich Übergeordnetes zu beziehen oder sich in Geschäftsordnungsdebatten zu flüchten. Wir fordern nachdrücklich dazu auf, die vereinbarten Verfahrenswege einzuhalten und den Prozess konstruktiv mit zu entwickeln, und auch das Engagement Ihrer Schwestern und Brüder mit Respekt zu behandeln. ..."

Jesuit Mertes: Kardinal Woelki ist "nur die Spitze eines Eisbergs"
"Unterhalb des Wasserspiegels schwimmt der eigentliche Klotz: Hierarchie, Verbände, kirchliche Gremien, Gemeinden und auch die kirchliche Presse ... kommen aus ihrer Selbstumdrehung nicht wirklich heraus", so Jesuit Klaus Mertes.
Die Debatte um Aufarbeitung von Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln offenbart nach Ansicht von Jesuitenpater Klaus Mertes grundsätzliche Probleme. Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki sei "nur die Spitze eines Eisbergs", schreibt Mertes in einem Gastbeitrag auf faz.net. [Quelle: katholisch.de]


Pfarrer Stefan Jürgens
Für den Synodalen Weg sieht Pfarrer Stefan Jürgens keine Erfolgschancen. Er sei ein aufwendiges Sedativum, das nur dazu diene, aufmüpfige Christinnen und Christen für eine gewisse Zeit ruhigzustellen, kommentiert der Pfarrer. Fromm getarnten Seilschaften würden dafür sorgen, dass jeder Reformversuch scheitern wird.
„Es soll etwas geschehen, aber es darf nichts passieren“, lautet das geheime Motto des Synodalen Wegs. Dieser Weg wird wohl wie alle Diözesanforen und Dialogprozesse in einer römischen Sackgasse enden: „Schön, dass wir drüber gesprochen haben, wir hatten eine geistliche Atmosphäre“ – und wie die Floskeln nach dem Scheitern eines solchen Prozesses auch immer heißen mögen. ... >> mehr

Den Beitrag von Pfr. Jürgens kann man aübrigens auch in unverkennbarem bayrischen Dialekt vorgetragen erhalten von dem Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler in seinem  Podcast vom 17. Januar 2021.
Dieser Münchner Pfarrer sei prinzipiell allen empfohlen, die die Botschaft Jesu in  lebendiger, überzeugender, engagierter, humorvoll-sympathischer und glaubwürdiger Art  in verständlichem Klartext hören wollen.


März 2021
Situation im Erzbistum Köln

Besonders belastend für den Synodalen Weg ist die derzeitige Situation im Erzbistum Köln. Das machte auch das Präsidium (mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, dem Limburger Bischof Georg Bätzing, und dem ZdK-Vorsitzenden Dr. Thomas Sternberg) beim Online-Treffen der Versammlung im Februar 2021 deutlich.
Im Mittelpunkt der Kritik steht der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki wegen seiner Entscheidung, ein Gutachten zu den Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln nicht zu veröffentlichen. Von ihm beauftragte Anwälte haben gravierende Mängel in dem Gutachten ausgemacht, das deshalb nicht "gerichtsfest" sei. Die Medien berichten seit Wochen - als vermutete Folge dieses Agierens - von überforderten Amtsgerichten in Köln und Düsseldorf, die nicht in der Lage sind, in den nächsten Monaten noch Termine an die vielen Katholiken zu vergeben, die scheibar in Scharen aus der Kirche austreten wollen.
Fest steht: Engagierte Laien in ihren Gemeinden und Gremien, Dutzende Priester des Erzbistums Köln und sogar Bischofskollegen sind bestürzt und verärgert über das vertrauenerschütternde Agieren des Erzbischofs und seiner Berater, über den Umgang mit Betroffenen, über ein unprofessionelles Krisenmanagement - und vor allem den damit einhergehenden Glaubwürdigkeitsverlust in die Kirche(n) insgesamt.
Sie äußern ihre Besorgnis in zahllosen persönlichen Schreiben und Gesprächen mit dem Kardinal, in offenen Briefen oder Voten kirchlicher Mitwirkungsorgane oder in Stellungnahmen in Presse und Medien.


Erzbischof Woelki räumt Fehler ein und bittet um Verzeihung

Im Februar hat Kardinal Woelki in mehreren Stellungnahmen zugesichert, Verantwortung zu übernehmen. Im Hinblick auf die mit Spannung erwartete und für den 18. März geplante Veröffentlichung des neuen Gutachtens betonte Woelki: "Wir werden Namen von Verantwortlichen nennen."
Der Kardinal äußerte Verständnis für die zum Teil heftige Kritik: "Wir haben Fehler gemacht, wir haben Vertrauen verspielt, ich verstehe die Ungeduld." So sei es ein Fehler gewesen, der Zusage der zunächst beauftragten Münchner Kanzlei zu vertrauen, "eine rechtssichere Aufarbeitung vorzulegen". Und Journalisten bei einem Hintergrundgespräch mit einer Verschwiegenheitserklärung zu konfrontieren, habe den Eindruck erweckt, "wir wollten keine offene und unabhängige Berichterstattung".

Auch der Hirtenbrief zur FastenZeit 2021 thematisiert seine Aufkärungsabsicht:



Mahnung: Fairness in der Kirche! Eine Petition.